Denkmal des Monats - März 2012

Ostwestfalen Lippe
Westerbachstraße 10 (Höxter)



Höxter war im Hochmittelalter einer der ältesten und größten Städte Norddeutschlands. Mehrere günstige Rahmenbedingungen führten zu dieser positiven Stadtentwicklung.

Die fast hochwasserfreie Lage in der Weserniederung an der Einmündung eines westlichen Zuflusses bildete eine der topographischen Grundvoraussetzungen.

Zwei der wichtigsten Handelswege Norddeutschlands kreuzten sich hier: In west-östlicher Richtung verlief der sog. Hellweg, eine bedeutende Heer- und Handelsstraße. Bei Höxter kreuzte diese Route den in nord-südlicher Richtung verlaufenden wichtigen Weser-Handelsweg (auch Bremer Straße bezeichnet). In direkter Folge entwickelten sich hier sehr früh feste Weserübergänge (nachgewiesene Brücke bereits 1115).

Auch die Gründung der nahe gelegenen Reichsabtei Corvey im 9. Jahrhundert war von äußerst wichtiger Bedeutung für die Region und strahlte weit darüber hinaus.

Innerhalb der Stadt befanden sich an den Achsen der Handelswege viele Steinhäuser aus gotischer Zeit und renaissancezeitliche Fachwerk-Bürgerhäuser. Es handelte sich um bevorzugte Wohnlagen in der Stadt; hier wurde repräsentativ gebaut.

Eines der wichtigsten und schönsten Beispiele einer Anlage aus dem 16. Jahrhundert bilden die Gebäude um das Renaissancehaus Westerbachstraße 10.

„Wohnspeicherhaus datiert 1568. Erd-, Zwischenund Obergeschoss, gehört zu den wenigen in Höxter erhaltenen Beispielen von Traufenhäusern aus der Zeit der Frührenaissance". Dieser formelle Eintragungstext aus der Denkmalliste der Stadt Höxter vom November 1984 gibt in seiner Kürze die hohe Bedeutung, den guten und umfassenden Erhaltungszustand und die Gewichtung für das Bild der Altstadt Höxters kaum angemessen wieder.

Es handelt sich nämlich nicht nur um ein mit seinen geschnitzten Inschriften und Schmuckformen äußerst auffälliges Wohnhaus, sondern auch um die einzige als Ensemble noch erhaltene Ackerbürger-Hofanlage mit großem Wohnhaus, Schuppen, Scheune, kleinem Garten und Brunnen.

Der Erbauer des Gebäudes Heinrich Wulff („Hinrick Wulff" im Inschriftenfeld über dem Torbogen) gehörte zur bürgerlichen Elite der seit dem Jahre 1533 evangelischen Stadt. Als Knochenhauer gehörte er zu einer gehobenen Zunft und durfte Mitglied des Rates sein. Diese Funktion bekleidete er; mehrfach ist er sogar als Bürgermeister nachgewiesen.

Sein Haus repräsentierte durch Lage, Größe, Erscheinung und Gestaltung den Anspruch des Erbauers.

In den Archivalien der Stadt Höxter finden sich wiederholt Informationen über Wulff und auch über seine Nachfahren, die vorwiegend Handel trieben und lange zu den gehobenen Bürgerschichten Höxters gehörten. Erst im frühen 18. Jahrhundert wurde der Besitz, zu dem auch umfangreiche Ländereien gehörten, von den Wulffs veräußert.

Die Familie der heutigen Eigentümer befindet sich bereits seit etwa 180 Jahren im Besitz der Liegenschaft.

Vor einigen Jahren wurde das Hauptgebäude umfangreichen Instandsetzungs-, Restaurierungs- und Umbauarbeiten unterzogen. Dabei wurden auch bauforscherische Belange berücksichtigt und weitergehende Erkenntnisse zur Baugeschichte des Denkmals gewonnen.

Das Kellergewölbe und die westliche, massive, gebäudehohe Giebelwand mit eingebauten Wandschränken und offener Feuerstelle gehen auf einen Vorgängerbau zurück, den die Fachleute um etwa 200 Jahre früher datieren. Die hohe Halle im westlichen Bereich des Hauses (Straßenseite links) reichte vom Straßenniveau bis zur Geschossauskragung; erst im 18. Jahrhundert wurde dieser große Raum zur Nutzfl ächenerhöhung mit Holzbalkendecken geteilt. Der östliche Gebäudebereich war bereits bauzeitlich mit einem Stubeneinbau versehen, also zweigeschossig als Hausteil ausgebildet. Der Hausherr konnte über Wandöffnungen und eine vorgelagerte Galerie aus dem Obergeschoss dieses Stubeneinbaus jederzeit die Halle betreten und sich den gewünschten Überblick verschaffen.

Der Betrachter kann die Verhältnisse noch heute gut am Fassadenaufbau und beim Blick in den Bereich hinter den Torbogen an den dort sichtbaren Deckenbalken(enden) der Erdgeschossdecke des Stubenteils erkennen.

Das Speichergeschoss (heutiges 2. Obergeschoss) liegt quer über der früheren Halle und dem Stubenteil, ist ungewöhnlich hoch und hat dem Erbauer offensichtlich nicht als Lagerraum, sondern zur repräsentativen Nutzung gedient. Der Dachstuhl ist noch ursprünglich und aus extrem starken Hölzern als Spitzsäulenkonstruktion ausgebildet. Die Eindeckung ist, ganz regionaltypisch, mit den Sandsteinplatten aus dem jenseits der Weser gelegenen Sollinggebirge ausgeführt.

Das Baudenkmal Westerbachstraße 10 weist umfangreiche erhaltene Innenausstattung aus verschiedenen Zeiten auf: Es sind Türen aus dem 18. Jahrhundert ebenso erhalten wie bauzeitliche Estriche und Gefachfüllungen mit Lehmflechtwerktechniken, aber auch sehr schöne, hölzerne Treppenkonstruktionen aus dem Historismus.