Denkmal des Monats - September 2009

Südliches Westfalen und Münsterland
Ehemalige Marienschule (Lippstadt)



Bereits 1883 wurde in den Räumen der St. Nicolai Gemeinde eine Schule für katholische Schülerinnen eingerichtet. 1896 übernahmen die Schwestern der christlichen Schulen von der Barmherzigkeit auch bekannt als die Heiligenstädter Schulschwestern die Schule. Ein Neubau wurde notwendig und so entstand auf dem innerstädtischen Grundstück an der Fleischhauerstraße 1898 ein erster Bauabschnitt im neugotischen Stil. Der Entwurf des Dortmunder Architekten Markmannn dominiert durch eine backsteinsichtige massive Fassade, bestehend aus einem hohen Sockelgeschoss und zwei darüber liegenden Vollgeschossen. Der Baukörper wendet sich mit seiner gestalterischen Traufwand der Straße zu und umfasst im 1. Bauabschnitt 4 Achsen.

Das schnelle Anwachsen der Schule und des angeschlossenen Pensionats machte die bauliche Erweiterung notwendig, die im Jahr 1902 nach einem Entwurf des Architekten Schade aus Arnsberg umgesetzt werden konnte. Diese Erweiterung umfasst den östli-chen Gebäudekomplex mit der zur Fleischhauerstraße ebenfalls 4-achsig ausgebildeten Traufwand sowie einen 4-achsig übergiebelten Risalit mit mittigem Eingangsportal. In dem nach Süden abgewinkelten Gebäudeflügel entstand im Obergeschoss eine Kapelle sowie Küche und Speisesaal im Sockel- bzw. Erdgeschoss. Auch dieser Baukörper erhielt die neugotische Fassadendekoration und stichbogenartige Öffnungen. Der 2. Bauabschnitt zeichnete sich besonders durch den sehr aufwendigen Giebelschmuck des Eingangsrisalites aus, der jedoch bei späteren Umbaumaßnahmen entfernt wurde. Erhalten blieben jedoch die malerischen Dachhäuser. Das Innere dieses Gebäudes zeichnete sich durch den mittigen Längsflur mit Bogenstellung im Erdgeschoss und den bauzeitlichen Bodenbelägen sowie durch die sehr sensibel gestalteten Handläufe der Treppen aus.

1908 erfolgte eine erste Ausmalungsphase der Kapelle durch den Wiedenbrücker Kirchenmaler Goldkuhle. Die historisierenden Malereien, die eine hohe Detailgenauigkeit besaßen, müssen im Rückblick als späte Meisterleistung von Goldkuhle angesehen werden. Es entstanden damals verschiedene Wandgemälde, u. a. auch ein Bild der 1908 selig und 1925 heilig gesprochenen Ordensgründerin Maria Magdalena Postel mit zwei Schwestern im Kreise ihrer Schülerinnen. Die Bildunterschrift ist eine Ableitung aus der Bibelstelle Daniel 12,3: "Die viele in der Gerechtigkeit unterweisen, werden glänzen wie die Sterne in alle Ewigkeit."

Das ständige Anwachsen der Schule führte zu verschiedensten Um und Erweiterungsbauten, die jedoch keine spürbare Entlastung brachten. So wurde es notwendig, das Schulgebäude nochmals zu erweitern. Im Jahr 1927 konnte der westlich angesetzte Neubau an der Fleischhauerstraße bezogen werden. Der Architekturgeschmack hatte sich in den wenigen Jahrzehnten sehr verändert. So zeigte dieser Gebäudeteil expressionistische Züge mit einer sehr sachlichen Gliederung der Fassade und vorquellenden Mauerwerksfugen.

Im Zuge dieser Baumaßnahme entstand auch eine Zweitausmalung der Kapelle im expressionistischen Stil. 1938 erfolgte die Auflösung der Ordensschule durch die Nazis. Bis 1947 war das Gebäude in städtischer Trägerschaft und wurde für verschiedenste Schulformen genutzt. Die Kapelle wurde leer geräumt, neu gestrichen und als Lager sowie zeitweilig auch als Turnraum genutzt. Nach dem Krieg wurde die Schule von den Schwestern der Christlichen Liebe übernommen. Es fanden dann auch wieder heilige Messen in der Kapelle statt.

Nach Verlegung des Schulstandortes der Marienschule zum Lipperbruch und Einzug der städtischen Aufbaurealschule wurde die Kapelle zu Klassenräumen umfunktioniert.

Erst im Rahmen der Umbauarbeiten zur Errichtung der Thomas-Valentin-Stadtbücherei der Stadt Lippstadt konnte dieser für Lippstadt einmalige Raum wieder hergerichtet und sowohl ein Gemälde der Erstausmalung von 1908 und das expressionistische Chorwandgemälde von 1927 in Gänze freigelegt werden. Der Raum wird seither für Lesungen, Konzerte und sonstige Veranstaltungen genutzt.