Denkmal des Monats - Januar 2007

Ostwestfalen Lippe
Baudenkmal Obere Mühlenstrasse 1: Ein Bürgerhaus der Renaissance (Bad Salzuflen)



Im Jahr 1632 erwarb der adelige Kaufmann Hermann v. Exterde den schon 1581 errichteten Bau, ließ ihn um ein Geschoss aufstocken und mit einer prachtvollen Giebelfassade versehen. Damit schuf er eines der bedeutendsten Bürgerhäuser der Weserrenaissance in Westfalen. Das Haus lässt sich durchaus in die Reihe so berühmter Bürgerhäuser wie das Wippermann’sche Haus im benachbarten Lemgo oder das Leist’sche Haus in Hameln einordnen.

Nach dem Tod des Eigentümers Hermann v. Exterde wechselten oftmals die Besitzer und so wurde das Bauwerk im Inneren wie im Äußeren mehrfach umgebaut. Schon im späten 18. Jahrhundert war die große Diele aufgegeben worden, um darin Stuben und Kammern zu Wohnzwecken einzurichten. Die späteren Besitzer hatten dazu im Hallengeschoss eine Zwischendecke einziehen und Innenwände errichten lassen. Außerdem wurden Teile der östlichen Giebelfassade abgetragen und kleinere Fensteröffnungen für die neuen Räumlichkeiten geschaffen. Damit war das ursprüngliche Gefüge des Hauses grundlegend verändert worden.

Erst in den Jahren 1985 bis 1987 erfolgte dann zunächst die Wiederherstellung des Hallenge-schosses. Ziel der Rekonstruktion war es, das Erscheinungsbild des ehemaligen Kaufmannshauses nach dem Zustand von 1632 wieder herzustellen. Für die Hallenrekonstruktion wurde das Baudenkmal 1989 mit dem Europa-Nostra-Preis ausgezeichnet. 1991 wurden dann der reich verzierte straßenseitige Holzschnitzgiebel, die Traufseiten und auch die rückwärtige Giebelfront denkmalgerecht restauriert und wieder in Kalk-Kasein-Technik farbig gefasst. Damit konnte das Baudenkmal als einzigartiges Zeugnis des Wohlstandes im 16. und 17. Jahrhundert wieder erlebbar gemacht werden. Heute befindet sich im Hallengeschoss eine Cocktail-Bar, der Speicherstock dient Bürozwecken.

Das Baudenkmal entspricht dem Idealtypus des Salzufler Bürgerhauses, welches sich insbesondere durch seinen Speicherstockaufbau von anderen Bauten unterscheidet. Mit dem auf das Hallengeschoss gesetzten Warenspeicher erhält der Baukörper eine besonders gefällige schlanke Proportion, die bei anderen Bürgerbauten dieser Zeit in der Region so nicht feststellbar ist. Dieser, mittlerweile den städtischen Lebensbedürfnissen angepasste Hallenbautypus geht in seiner Grundkonzeption auf das in ganz Niederdeutschland verbreitete ältere bäuerliche Hallenhaus zurück.

Die Fassaden des Hallengeschosses sind heute wieder mit bleiverglasten Steinbalkenfen-stern ausgestattet. Solche großflächigen Fenster, wie sie in der Bürgerhausarchitektur Norddeutschlands im 16. Jahrhundert üblich waren, lösten die Fronten der Bürgerhäuser förmlich in Glasbahnen auf. Sie waren zugleich Symbol des Reichtums der Hauseigentümer. Von besonderer Bedeutung ist der in mehreren Etagen verzimmerte Holzschnitzgiebel mit den in der Renaissancearchitektur üblichen Schnitzwerkmotiven. Dazu zählen insbesondere die in der Region beliebten Fächerrosetten. Zur Schaffung einer durchgehenden Fläche für das ornamentale Schnitzwerk wurden die Ausfachungen der Fachwerkkonstruktion mit Holzplatten verschlossen.

Mit der Wiederherstellung des Gebäudeinneren nach dem Zustand von 1632 ist auch das Raumgefüge in seinen charakteristischen Merkmalen wieder nachvollziehbar, welches von der zentralen Diele mit dem Flett (Querdiele) bestimmt wird (Abb. 1). Die Diele wird durch ein großes Tor betreten, wie es auch schon bei den bäuerlichen Hallenhäusern üblich war. Im vorderen Teil der Diele waren die Salzhandelsgeschäfte abgewickelt worden. Die im Speicherstock gelagerten Salzsäcke wurden über ein Aufzugsrad mit Endlosseil durch eine Luke in der Hallendecke zum Verkauf auf den Steinfußboden herabgelassen. Das Kontor befand sich in dem seitlichen Stubeneinbau. Heute verbirgt sich dahinter das Treppenhaus zur Erschließung der oberen Räumlichkeiten. Die Diele wird nach hinten von einer Doppelkaminwand begrenzt. Hier befindet sich die rekonstruierte zentrale Herdstelle mit dem Rauchfang. In der linken Ecke war 1632 bereits ein Hausbrunnen vorhanden. Rechts neben dem großen Kamin führt der Aufgang zur höher gelegenen Saalkammer, die hauptsächlich zu Wohnzwecken diente.